RED BEACH - DAS BUCH


Kurzinhalt:
Eine verrückte Odyssee durch das Global Village

Hans ist Ingenieur, Mitte 40 und auch sonst ein mittelmäßiger Typ. Den Takt seines Lebens bestimmt seine Frau, eine erfolgreiche Theaterintendantin. Aber Hans hat es satt, immer nur die Nebenrolle zu spielen, steigt in einen Last-Minute-Flieger und landet auf einer exotischen Tropeninsel im Golf von Siam.
Am geheimnisvollen Red Beach trifft Hans auf Julien, einen nackten Franzosen, der den Strand in ein Gesamtkunstwerk verwandelt. Die wenigen anderen Gäste des Red Beach sind ebenfalls exzentrisch: der fette Georges, Pariser Professor für Filmdramaturgie, die schöne Sharon, eine New Yorker Biologin, und die glatzköpfige Helena aus Berlin, die Coaching Seminare gibt. Täglich kommt der Schweizer Peter vorbei und verkauft Pancakes.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten gehört Hans bald zu dieser schrägen Community.
Doch Julien verschwindet unter mysteriösen Umständen, und Hans begibt sich auf eine Suche um die ganze Welt. Auf dieser Reise begreift Hans, dass keiner am Red Beach der ist, der er vorgibt zu sein. Auch er selbst nicht…

Leseprobe:

Ich weiß noch genau, wann ich den Entschluss gefasst habe, meine Frau zu verlassen, wofür es überhaupt keinen Grund gab. Anna war schön, Anna war klug, Anna war erfolgreich. Ich war verheiratet mit einer perfekten Frau.
Es war zu Beginn der neuen Spielzeit des Theaters, das Anna als Intendantin leitete. Anna hatte das heruntergekommene Boulevardtheater, wo abgehalfterte Fernsehstars den immer älter werdenden Zuschauern müde Lacher entlockten, entrümpelt, die Sessel aus rotem Plüsch herausgerissen und das daran fest-geschraubte Abonnement-Publikum gleich mit. Anna feuerte das satte Ensemble und brachte eine Bande hungriger Schauspieler zusammen, die ihr vollkommen ergeben waren. Mit dieser Truppe gelangen Anna beeindruckende Inszenierungen selten gespielter Klassiker, die ein junges Publikum anlockten, in dessen Gefolge die Erfolgreichen unserer Stadt in das neoklassizistische Gebäude drängten, weil dieser Ort plötzlich sexy war, so sexy wie Anna.
Innerhalb eines Jahres schaffte es Anna, das Theater am Ende der Fußgängerzone, das einem Media-Markt weichen sollte, zum gesellschaftlichen Treffpunkt der Stadt zu machen, mit ihr als strahlendem Zentrum. Die wenigen Kritiker, die Anna vorwarfen, sie führe das Theater wie ein Unternehmen, verstummten, weil es Anna durch Kooperation mit der Wirtschaft gelang, den Etat zu erhöhen und die Stücke besser auszustatten. So hatte Anna kein Problem damit, dass eine Bank in der Pause einer Othello-Aufführung für ihre Finanzprodukte warb. Hatte diese Bank doch den Umbau der Bühne finanziert, der nötig wurde, da im ersten Akt zwei Zirkuselefanten auftraten, die Anna zum Schlussapplaus lächelnd an den Bühnenrand führte. Der letzte Beweis, dass diese Frau nichts und niemand aufhalten konnte. Die Premierengäste sprachen von nichts anderem, wildfremde Men-schen klopften mir auf die Schulter, dass ich der Mann war, der spät in der Nacht Annas Mantel aus der Garderobe holen und sie nach Hause fahren durfte, um mit diesem Körper, der aussah wie aus Marmor gemeißelt, zu verschmelzen.
Wie wenig kannten diese Leute Anna. Obwohl Anna seit 24 Stunden auf den Beinen war, säumige Bühnenarbeiter ange-trieben, Schauspieler am Rande des Nervenzusammenbruchs getröstet und eine Gruppe militanter Tierschützer überzeugt hatte, dass die Elefanten artgerecht behandelt wurden, ging Anna nicht ins Bett. Sie ließ sich zwar von mir den Reißverschluss ihres Abendkleides öffnen, aber nicht, um in meinen Armen den Pre-mierenstress zu vergessen, sondern um in einen Jogginganzug zu schlüpfen und sich mit einem Glas Milch in ihr Arbeitszimmer zurückzuziehen, wo sie die Kritiker anrief und ihnen griffige Formulierungen soufflierte, was diese erstaunlicherweise nicht als Eingriff in ihre Unabhängigkeit auffassten, sondern als Schmeichelei. Danach diktierte Anna ein Memo mit allen Fehlern des Abends, wobei ihrem Auge nichts entging, sei es eine nicht abge-sprochene Textänderung des Jago oder eine aufgeplatzte Naht am Kostüm der Desdemona. Dieses Memo würden alle Mitarbeiter des Theaters, die jetzt noch in der Kantine feierten, am Morgen an ihrem Arbeitsplatz vorfinden. Danach ging Anna immer noch nicht ins Bett, sondern zog ihre Turnschuhe an und setzte eine Stirnlampe auf, um im nahen Park ein paar Runden zu drehen, wovon ich ihr wegen einer kürzlich dort stattgefundenen Vergewaltigung vergeblich abzuraten versuchte. Es war vier Uhr morgens und noch stockdunkel, was mich bewog, ebenfalls in meine Turnschuhe zu schlüpfen, um Anna notfalls gegen den Vergewaltiger zu verteidigen. Aber nach wenigen hundert Metern blieb ich keuchend hinter der federleicht laufenden Anna zurück und redete mir ein, mir keine Sorgen machen zu müssen, da Anna es schon schaffen würde, dass der Vergewaltiger sich ihr gegenüber genauso demütig verhalten würde wie die Elefanten.
Wenn ich nach solch einem Premierenabend morgens um sieben vom Wecker aus dem Tiefschlaf gerissen wurde mit einem Kopf aus Beton, saß Anna schon geduscht und geschminkt am Frühstückstisch und telefonierte mit ihrer Assistentin, dass man die gesamten, in wochenlanger Arbeit von der Kostümschneiderei genähten Uniformen der Argonauten in den Müll werfen könne. Beim Joggen war ihr die Idee gekommen, die Argonauten seien ein Symbol für die Globalisierung und sollten deshalb in grauen Businessanzügen auftreten, für die sie schon einen Sponsor wusste. Wenn Anna dann von ihrer Assistentin abgeholt wurde, blieb mir noch ein wenig Zeit, die ich wie tot ausgestreckt auf dem Wohnzimmersofa verbrachte, immer in Sorge, Anna könnte etwas vergessen haben und mich dabei erwischen, wie ich mir noch ein paar Minuten Schlaf gönnte, den sie seltsamerweise nicht brauchte. So wie sie weitgehend ohne Nahrung auskam, während ich mich beim Essen in der Küche fühlte, als würde ich Pornos aus dem Internet herunterladen. Weshalb ich manchmal unter dem Vorwand, unseren Wagen aufzutanken, zu McDonald’s fuhr, wo ich heißhungrig einen Hamburger verdrückte und später ein Stück mit offenen Fenstern über die Autobahn raste, um den Frittengeruch zu vertreiben, damit Anna nichts merkte. Anna verstand nicht, warum ich mich im Mittelmaß einrichtete und, statt wie sie Karriere zu machen, mich arrangierte, weil das Leben nach der Arbeit stattfand, das aus Müßiggang bestand.
»Warum tust du nichts?« war eine häufige Frage, wenn ich abends vor dem Fernseher saß, während Anna mehrere Dinge gleichzeitig erledigte, sich umzog, mit New York telefonierte, um das Gastspiel ihres Ensembles vorzubereiten, und ein Bühnenbild zeichnete. Aber ich tat doch was. Ich schaute Liverpool gegen Chelsea, dabei trank ich ein Bier und hielt das Telefon in der Hand, weil ich in einer Konferenzschaltung mit einem Kollegen verbunden war, der auch mit einem Bier zu Hause auf dem Sofa saß und sofort anrufen würde, wenn ein Tor fiel.
»Warum schaut ihr nicht zusammen Fußball?« fragte An­na, bereits auf dem Sprung zu dem roten Mini ihrer Assis­tentin, der mit laufendem Motor vor unserem Haus wartete, um sie zur Kostümprobe zu fahren.
»Dann kann einer von uns nichts trinken«, lautete meine Antwort, die Anna mit ungläubigem Staunen quittierte. Es war dieser Blick aus ihren dunklen Augen, dieses Erkennen, mit wem sie eigentlich verheiratet war, bis Anna wieder ihr alles umarmendes Lächeln aufsetzte und mich bat, nicht aufzubleiben, da es spät werden könnte. Es war diese Mischung aus Mitleid und Verachtung, die in mir den Entschluss reifen ließ, Anna zu verlassen. Ich würde gehen, bevor mich Anna aussortieren würde wie die alten Stühle in ihrem Theater.


»Waren Sie schon mal am Red Beach?« Die glatzköpfige Frau neben mir am Fenster der in die Jahre gekommenen Fokker, deren dröhnende Propeller sich in den blauen Tropenhimmel schraubten, hatte nur darauf gewartet, dass die Anschnallzeichen über uns erloschen. Wie auf Knopfdruck zündete sie sich eine Zigarette an und ignorierte die Proteste der Mutter in der Reihe vor uns, das sei ein Nichtraucherflug. Die Frau am Fenster zeigte auf die Raucherzeichen, die die Airline vergessen hatte abzuschrauben, als sie den Schrottflieger kaufte. Und die thailändische Stewardess war zu höflich, um gegen meine renitente Sitznachbarin vor-zugehen, die blaue Rauchkringel Richtung Kabinendecke ausstieß, während sie mir zuraunte, auf die Kinder würde viel zu viel Rück-sicht genommen, die hätten bereits Malbücher erhalten und Erdnüsse, während wir immer noch auf die Getränke warteten.
Nein, ich war noch nie am Red Beach. Ich hatte auch den Namen der Insel schon wieder vergessen, auf der wir in einer Stunde landen würden. Irgendein exotisch klingendes Ferienziel im Golf von Siam. Die einzigen Kriterien, die ich vor 24 Stunden im Lastminute-Reisebüro genannt hatte: Möglichst weit weg, und zwar sofort…

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